UNTERNEHMERISCHES DENKEN UND HANDELN

Ein eher „wissenschaftlicher“ Text über unser Feuer im Leben – was sich garantiert nicht wissenschaftlich entzünden lässt – inclusive der Lösung zu diesem Problem.

Unternehmerisches Denken und Handeln ist eine immer häufiger geforderte Kernkompetenz. Selbst die EU fordert dies von ihren Bürgern als Entwicklungsziel. Doch was ist unter diesem Begriff zu verstehen? Intuitiv dürften die meisten Menschen wissen, was gemeint ist. Unternehmerisches Denken und Handeln ist bei einer genauen Definition aber so komplex, dass es für viele im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr begreifbar ist. Meine kürzeste Variante:

„Unternehmerisches Denken und Handeln ist das langfristige Arbeiten im Sinne der eigenen Organisation.“

In diesem Satz ist alles Entscheidende enthalten. Langfristig zeigt die zeitliche Dimension in die Zukunft. Es geht nie um ein Strohfeuer. Es ist immer der lange Atem gefordert. Das Arbeiten bezieht sich auf die direkte Umsetzung. Salopp ausgedrückt, die PS auf die Straße bringen. Der Begriff „im Sinne“ enthält die Vision, das Selbstverständnis, die Haltung und Ausrichtung der Organisation. Ohne die Klärung der Sinnfrage gibt es kein unternehmerisches Denken und Handeln. Es wird sonst kalt, herz- und vor allem kraftlos. Mit einbezogen ist die Klärung der eigenen Sinnfrage. Die „eigene Organisation“ bezieht sich ebenso auf Unternehmer wie auf Menschen, die in einer Organisation arbeiten. Der passende Fachbegriff ist Intrapreneurship. Intrapreneurship setzt sich aus zwei Wörtern zusammen – Intracorporate und Entrepreneurship. Unternehmer im Unternehmen ist die passende deutsche Übersetzung.

Das Thema unternehmerisches Denken und Handeln wirft für die meisten Menschen viele Fragen auf. Ist dies angeboren? Gibt es das Unternehmer-Gen? Ist eigenständiges Handeln in Unternehmen nicht ein Gegensatz in sich? Will ich das überhaupt? Inwiefern kann ich mir unternehmerisches Denken und Handeln aneignen? Was ist das so oft im anglikanischen Raum genannte Wort: „Entrepreneurial Mindset“ überhaupt? Sowie meine mir oft gestellte „Lieblingsfrage“: Wann weiß ich, dass ich soweit bin?

Mit diesen Fragen beschäftige ich mich seit über 20 Jahren. Als Start-up-Berater bei der Begleitung von Hunderten von Unternehmern. Als Soziologe mit dem Schwerpunkt Organisationsoziologie und Personalentwicklung. Als Dozent an der Leuphana Universität Lüneburg für Unternehmerpersönlichkeit. Als Autor, Blogger und Redner gehe ich diesen Fragestellungen heute aktiv nach.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse zum Unternehmerischen Denken und Handeln:

„Jeder Mensch ein Unternehmer.“

Oder wie es der Nobelpreisträger Muhammad Yunus ausdrückt „Alle Menschen sind geborene Unternehmer.“

Unternehmerisches Denken und Handeln ist nicht einigen wenigen Menschen angeboren, sondern fast allen. Diese Erkenntnis setzt sich heute in der akademischen Welt immer mehr durch, auch wenn es dazu heftig geführte Debatten gibt. Diesem Gedankengang gehe ich etwas weiter unten im Text intensiver nach. Für viele Menschen ist dies nämlich eine existentielle Frage, die vor der Entscheidung für unternehmerische Abenteuer kommt.

Zum Erwerb dieser Kernkompetenz gehört dann vor allem die eigene Entscheidung, diese haben zu wollen sowie die Möglichkeit, dass das unternehmerische Denken und Handeln sich entwickeln kann. Grundsätzlich ausgedrückt: Es sollten immer die drei Faktoren: KÖNNEN, WOLLEN und MÖGLICHKEIT gegeben sein. Das Können ist fast allen gegeben. Wie sieht es mit dem Wollen und der Möglichkeit aus?

Können Wollen MöglichkeitDas eben von Muhammad Yunus verwendete Zitat geht genau auf diese Möglichkeit ein, indem er noch einen Satz dahinter setzt: „ …Einige bekommen die Chance, diese Fähigkeiten zu entwickeln.“ Da in Westeuropa aus politischer, historischer und wirtschaftlicher Sicht fast ideale Bedingungen gegeben sind, gehe ich hier der Frage nach der Möglichkeit nicht weiter nach. Mir ist voll bewusst, dass dies von vielen anders gesehen wird. Auch ist die „German Angst“ nicht zu unterschätzen. In meinen Blogbeiträgen und Büchern gehe ich deswegen auf dieses eklige Biest regelmäßig ein.

Dennoch bleibt meine These: Wir haben in Westeuropa fast ideale Voraussetzungen, um unternehmerisches Denken und Handeln zu lernen.

Bleibt der dritte Punkt: das Wollen. Als Merksatz auf den Punkt gebracht:

„Unternehmerisches Denken und Handeln muss man vor allem wollen.“

Vor mehr als 100 Jahren hat Otto von Bismarck diese drei Punkte sehr pointiert auf die Spitze getrieben: Einer seiner bekanntesten Aussprüche lautet: „Die erste Generation baut auf, die zweite verwaltet, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt.“ Intuitiv hat Bismarck geahnt, was heute wissenschaftlich bestätigt ist: Unternehmerisches Denken und Handeln muss erarbeitet werden – von jeder Generation wieder aufs Neue. Es verhält sich wie bei einem Handwerk, das Lehrjahre, Wanderschaft und Meisterzeit umfasst. Das darf und muss jede Generation und jede Person für sich immer wieder aufs Neue entdecken. Auch wenn viele das nicht angehen, gilt dennoch:

„Unternehmerisches Denken und Handeln ist ein Handwerk, das jeder meistern kann.“

Somit sind wir bei der Frage angekommen, wie Menschen sich dieses Feuer aneignen. Es ist klar: Unternehmerisches Denken und Handeln eignet sich niemand innerhalb einer kurzen Zeitperiode an. Das große Geheimnis ist die Eigenschaft, sich dem langjährigen Transformationsprozess zu stellen. Denn die wichtigsten Veränderungen vollziehen sich in der Tiefe unseres Charakters, in unseren Werten, Einstellungen, Glaubenssätzen, unserem Selbstverständnis sowie unserer Identität. Dass eine solche Veränderung für fast alle Menschen möglich ist, zeigen Praxisbeispiele von Business-Inkubatoren mit Langzeitarbeitslosen. Diese haben Erfolgsquoten von bis zu 57% der Teilnehmer, die noch 5 Jahre später erfolgreich ohne staatliche Transferleistungen mit ihrem Start-Up ihren Lebensunterhalt erwirtschaften. (Siehe: „Die Kunst des Feuermachens“)

Prof. Dr. Mandl aus München hat zum Erwerb von unternehmerischem Denken und Handeln ein Kompetenzmodell entwickelt. Ich arbeite seit Jahren mit diesem Modell, da es ziemlich klar aufzeigt, dass alle Menschen die nötigen Kompetenzen haben oder entwickeln können.

Mandel - Kompetenzmodell

Stellen Sie sich mal eine Alpenwanderung, die Organisation einer Party oder einfach das Elternsein vor und gehen alle geforderten Kompetenzen von Mandel im Kopf durch. Sie sehen: Die Grundlagen sind da.

Für alle neuen großen Aufgaben oder vor allem bei einer Gründung lohnt es sich, das anstehende Abenteuer einmal auf die Kompetenzen von Mandel hin zu bewerten und zu skalieren und das Ergebnis mit den eigenen persönlichen Werten zu vergleichen. In meinen Seminaren sind viele überrascht, dass Sie plastisch vor Augen sehen: Eigentlich kann ich das – es fehlen nur „Kleinigkeiten“.

Damit sind wir bei dem Schwerpunkt meiner Arbeit angekommen. Die Frage nach dem Unternehmerischen Mut, die großen beruflichen Abenteuer im Leben dann auch wirklich anzugehen. Das Schwierige am Unternehmerischen Mut: Es ist vor allem eine innere Frage. Es geht nicht um Branchenkenntnisse, kognitive Fähigkeiten oder sich bietenden Chancen. Die gehören zweifelsfrei alle dazu. Es geht aber um die innere Stärke zu wissen: ich packe das und gehe das jetzt an.

Es ist fast paradox: Der Mut zeigt sich nach außen, aber um ihn zu verstehen muss man nach innen schauen. Gleichzeitig sind aber gerade unternehmerisch mutige Menschen keine chronischen Introspektionsfanatiker. Sie wissen, was „aufstehen, Krone richten, weiterschreiten“ in der Praxis wirklich heißt und würden sowas selten auf Facebook posten. Das machen eher mutlose oder halt Motivationstrainer.

Darum ist es aber auch so schwierig zu vermitteln. Die wenigsten haben einen kognitiven Zugang zu ihrem Mut, wenn es sowas überhaupt geben sollte. Das ist der wichtigste Grund, warum ich aus tiefster Überzeugung das Thema mit Analogien und Gleichnissen – schriftlich wie mündlich – angehe. Die Bilder müssen ins Herz. Prof. Norris F. Krueger beschreibt genau dies in einem grundlegenden Essay: „What lies beneath? The experientel essence of entrepreneurial thinking“ mit folgender Gedankenkette:

  • Behind entrepreneurial action are entrepreneurial intentions; 
  •  Behind are entrepreneurial intentions are known entrepreneurial attitudes;
  • Behind entrepreneurial attitudes are deep cognitive structures; 
  • Behind deep cognitive structures are deep believes. 

Im folgenden Schaubild werden diese Ebenen gut dargestellt. Dieses Transformationsmodell zeigt fünf verschiedene Ebenen – von den nur schwer zu verändernden Werten und tiefen Glaubenssätzen bis hin zum leicht erlernbaren Wissen.Ebenen der Veränderung 4-2-15

Im Mittelpunkt stehen die Werte und Glaubenssätze, Ihre inneren Motive und Antriebsfedern. Diese sind recht stabil, ändern sich manchmal lediglich langfristig über die Jahrzehnte hinweg (Katastrophen können sie aber blitzschnell ändern), prägen unsere Verhaltensmuster und sind den meisten Menschen selten bewusst. Sie bestimmen, in welcher Dimension Sie Ihren unternehmerischen Mut ausleben wollen.

Im nächsten Ring liegen die Eigenschaften und Haltung(en) von Personen. Auf dieser Ebene finden sich viele der Faktoren, die wir bei mutigen Menschen bewundern: ihre Motivationsfähigkeit, ihre Neugier, ihre Hingabe, ihre Disziplin, ihr Selbstvertrauen und ihr Biss. Das ist die Ebene, auf der die Entscheidungen für den eigenen unternehmerischen Mut greifen müssen. Dort muss das „Ich will!“ wachsen.

Auf der Ebene der Zugehörigkeit und Identität geht es darum, welcher Gruppe Menschen sich verpflichtet fühlen und wie sie sich selber sehen. Meine Erfahrung und soziologisches Grundwissen sagt: Es dauert oft sechs bis neun Monate, bis es gelingt, sich mit einer neuen Rolle – etwa: „Ich bin jetzt Führungskraft oder Unternehmer“– in der Tiefe zu identifizieren. Wenn Menschen sich nicht bereits einige Jahre darauf fokussiert haben, eine Führungsposition oder das Unternehmerdasein konsequent anzustreben, sich also mental nie darauf vorbereitet haben, diese Verantwortung zu übernehmen, brauchen sie einfach eine längere Zeit, bis sie voller Überzeugung sagen können: „Ich bin Unternehmer / Chef, ich lebe meine neue Rolle!“Unternehmerischer MUT

Um das eigene unternehmerische Feuer besser zu verstehen und es greifbarer zu machen, habe ich sechs Flammen definiert, die alle in das eine große Feuer einmünden: dem unternehmerischen Mut.

Die Begriffe basieren auf dem Modell von Mandl. Es gilt, in diesen Bereichen stark zu werden. Verglichen mit dem Transformationsmodell „Ebenen der Veränderung“ sehen wir: Es geht fast immer um „tiefe“ Schichten.

Auf den Weg dahin helfen von mir so genannte Brandbeschleuniger.

Die wichtigsten sind:

  • Sie müssen sich entscheiden.
  • Sie brauchen Durchhaltevermögen – Ihr Prozess braucht Zeit.
  • Sie haben einen intuitiven Zugang, eine innere Vorstellung Ihres Mutkonzeptes.
  • Sie brauchen unterstützende Wegbegleiter.
  • Sie wissen, dass Rückschläge dazugehören und stark machen.
  • Sie brauchen und setzen Ziele.

Brandbeschleuniger werden leicht brennbare chemische Stoffe (meistens Flüssigkeiten) genannt, die dazu verwendet werden, wenig brennbare Sachen in Flammen zu setzen.Wikipedia

DAS FAZIT

Es geht also nicht um eine kognitive Bejahung von unternehmerischem Denken und Handeln. Das ist eine Minimalvoraussetzung. Es geht um das eigene Brennen für die Sache und den Weg dahin. Deswegen ist unternehmerischer Mut nicht allein kognitiv zu vermitteln. Es braucht Bilder, Gleichnisse, Analogien und vor allem einen Prozess mit Menschen, die dieses Feuer in einem nähren. Das dürfte auch der meist unterschätzte Faktor für unternehmerischen Mut sein. Denn die Motivation dazu entsteht über Beziehung – es gibt keine Motivationsrambos, die immer für sich allein nach vorne stürmen.

Wie bei jedem guten Text über grundsätzliche Dinge im Leben dürften Sie jetzt mehr Fragen als Antworten zum unternehmerischen Denken und Handeln haben. Ich hoffe, dass die Fragen aber auf einigen guten Erkenntnissen ruhen:

Jeder Mensch ein Unternehmer. Fast jeder kann sich das unternehmerische Feuer aneignen.
Unternehmerischer Mut ist ein Prozess. Das wichtigste ist die Bereitschaft, diesen Weg zu gehen.
Die Veränderung zum mutigen Menschen geschieht in der Tiefe meiner Person.

Wenn Sie mehr zum unternehmerischen Mut verstehen wollen: Auf den folgenden Seiten finden Sie Informationen zu meinen Büchern, Vorträgen und Seminaren und meinen Blog.

Machen sie sich auf die Reise, es lohnt sich. Keep the fire burning,

– Lutz Langhoff

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